Die Stiefkinder der Türkei: Tuluhan Tekelioğlus “Üvey Evlat”

© Mine Krause

Wissen Sie eigentlich, was für ein Geschenk es ist, jeden Morgen in einer Demokratie aufzuwachen? Wie glücklich man sich schätzen kann, zu sagen und zu schreiben, was man möchte? Anziehen zu können, wonach einem der Sinn steht? Polizisten auf der Straße zu sehen und sicher zu sein, dass sie einen beschützen? Wissen Sie eigentlich, was für ein Geschenk es ist, frei zu sein?

Im westlichen Teil dieser Welt hat das Wort „Gerechtigkeit” noch eine Bedeutung. Genau für diese Gerechtigkeit muss heute in der Türkei täglich gekämpft werden. Das kostet Mut. Energie. Kraft. Schlaflose Nächte. Und vielleicht ist das, was man dazu am meisten braucht, ein unerschütterlicher Glaube an das Gute im Menschen.

© Mine Krause

Letzte Woche traf ich Tuluhan Tekelioğlu beim Türkischen Filmfestival (Festival du Cinéma de Turquie) in Paris, wo sie eines ihrer neuesten Werke „Üvey Evlat“ („Stiefkind“) im Kino Le Brady vorstellte. In der Türkei ist sie eine bekannte Journalistin, Schriftstellerin und Regisseurin von Dokumentarfilmen. Sie verfügt über die nötige Klarsicht und den analytischen Verstand, dessen es bedarf, um das Unaussprechliche und Undenkbare in Worte und Bilder zu fassen. Was kann man über ein Land in 53 Minuten auf einem Bildschirm erzählen? Mehr als Sie für möglich halten. Tuluhan Tekelioğlu ist es gelungen, ein Mosaik aus den verschiedensten Stimmen der Türkei zusammenzustellen: Künstler, Schauspieler, Bildhauer, Musiker, Schriftsteller, Politiker, Dichter – sie alle erzählen persönliche Geschichten von ihrem Kampf für die Demokratie. Politisch gesehen gelten Sie als Verräter ihres eigenen Landes. Sie sind die “Stiefkinder” der Türkei, verachtet von einem Teil der Bevölkerung, verehrt vom anderen. Unter ihnen befinden sich Pianist und Komponist Fazıl Say, Schriftsteller Ahmet Ümit, Bildhauer Mehmet Aksoy, Musiker und Schriftsteller Zülfü Livaneli, Dichter und Journalist Sunay Akın, Schauspielerin Şebnem Sönmez und viele andere. Sie alle haben etwas gemeinsam: ihre Leidenschaft für die Kunst und den brennenden Wunsch, sich für eine demokratischere Türkei einzusetzen, koste es, was es wolle. Bis zum heutigen Tag müssen sie für ihren Idealismus büßen. Die meisten von ihnen haben ihre Arbeit verloren. Ihre Werke werden zensiert oder zerstört. Regelmäßig müssen sie sich vor Gericht behaupten. Doch gibt ihnen ihr reines Gewissen die Kraft, diesen steinigen Weg mit Ausdauer weiterzugehen.

Nach dem Film beantwortete Tuluhan Tekelioğlu die Fragen des Publikums in fließendem Französisch. Unbestritten handelt es sich bei “Üvey Evlat” um ein ästhetisches Kunstwerk, in dem es auch an sensibel gewählten Bildern, originellen Filmtechniken und einem die Stimmung stets treffend widerspiegelnden musikalischen Hintergrund nicht fehlt. Die Regisseurin zeigt uns, wie viel an bitteren Wahrheiten, tiefem Idealismus und unzerstörbarer Hoffnung tatsächlich in 53 Minuten passt.

© Mine Krause

Kürzlich erschien Tuluhan Tekelioğlus Buch mit demselben Titel, in dem sich die 18 Interviews des Dokumentarfilmes in ungekürzter Fassung finden lassen.

  • „Was ich auf dieser Welt tun kann, ist Blumen zu pflanzen und Menschen zu verstehen. Freude zu verbreiten, zu lesen, zu tanzen, zu singen. Als Schauspielerin kann ich mehr Schönheit in diese Welt bringen. Das ist der Weg, den ich gewählt habe“ (Şebnem Sönmez, Schauspielerin).
  • „Wir müssen lernen, einander zu lieben. Das wird das Erste sein, was ich meinem Sohn beibringen werde. Dann wird er lernen, für das, was er liebt, zu kämpfen. Und danach wird er lernen, wie viel Mut man dazu braucht” (Barış Atay, Schauspieler).
  • „Wenn ich jetzt meinen Mund halte, wird meine Kinder und Enkel eine noch schrecklichere Zukunft erwarten” (Ahmet Ümit, Schriftsteller).
  • „Geschehe was wolle, die Flamme, die in einem Künstler flackert, wird niemals erlöschen” (Arda Aktar, Opernsänger).
  • „Wir haben eine einzige Zukunft. Wir allein entscheiden heute darüber, wie diese aussehen wird” (Levent Üzümcü, Schauspieler).
  • „Kunst macht frei (…). Wir sind zu Robotern geworden, die nicht mehr denken, nichts mehr wollen, die keine Leidenschaften mehr haben. Kunst macht uns zu schöneren, menschlicheren Wesen” (Güvenç Dağüstün, Opernsänger).
  • „Ich habe nicht zugelassen, dass mich die Angst auffrisst (…). Andernfalls hätte ich mich nicht auf die Straße getraut. Ich hätte keine Aktivistin werden können” (Defne Halman, Schauspielerin und Aktivistin).
  • „Wenn man an das glaubt, was man tut, wenn man an das glaubt, was man sagt (…), hat man die Kraft, dafür geradezustehen und weiterzumachen ” (Genco Erkal, Schauspieler).
  • „Einer der Gründe, warum ich in die Türkei zurückgekehrt bin, war, dass ich in meinem eigenen Land schöne Dinge möglich machen wollte” (Fazıl Say, Pianist und Komponist).
  • „Ich möchte sterben wie Michelangelo. Skulptur bis zum letzten Atemzug. Leidenschaft bis zum letzten Atemzug” (Mehmet Aksoy, Bildhauer).
  • „Heute leben wir in einem Land ohne Rechtssystem (…). Freiheit ist die Quelle jeglicher Kreativität. In einer Atmosphäre der Freiheit werden Dinge erschaffen, die man mag, und Dinge, die man nicht mag. Man nimmt sich, was einem gefällt, und was einem nicht gefällt, das nimmt man nicht. Auch das, was nicht nach unserem Geschmack ist, kann trotzdem auf seine eigene Weise schön sein” (Ertuğrul Günay, früherer Minister für Kultur und Tourismus).
  • „Wir alle streben nach Unsterblichkeit. Manche von uns versuchen, unsterblich zu werden, indem sie Romane schreiben, andere schreiben Gedichte oder drehen Filme. Ich wollte durch Bäumepflanzen unsterblich werden. Jeder Baum macht unsere Welt zu einem schöneren Ort.” (Mustafa Alabora, Schauspieler).
  • „Wir hätten uns vorwärts bewegen sollen, aber anstelle dessen ist das Gegenteil passiert. Wir haben uns rückwärts bewegt… So sieht eine Diktatur aus” (Müjdat Gezen, Schauspieler).
  • „Vielleicht ist das ein Selbstverteidigungsmechanismus, den man im Gefängnis entwickelt, um der Folter standzuhalten: Wenn man im Knast sitzt, muss man lachen, Witze machen oder andere Dinge tun, die einem Hoffnung geben” (Zülfü Livaneli, Musiker und Schriftsteller).
  • „Die Türkei ist stets ein Land verbotener Bücher gewesen” (Sunay Akın, Dichter und Journalist).

    © Mine KrauseJournalist).
  • „Es gibt nichts mehr, wovor man Angst haben muss. Wir haben schon alles erlebt. Es ist schwer geworden, in diesem Land zu atmen. Wir versuchen, die Hoffnung nicht zu verlieren, um unserer Kreativität nicht zu schaden” (Orçun Sünear, Musiker).
  •  „Ihr könnt mich nicht behindern, ihr könnt mich nicht auslöschen, ihr könnt mich nicht unschädlich machen. Ich werde immer existieren und Euch ein Dorn im Auge bleiben” (Metin Uca, Erzähler und Schriftsteller).
  • „Kunst lehrt uns, zu analysieren und analytisch zu denken. Sie hilft uns dabei, Freundschaften und Kommunikationsfähigkeit zu stärken. Ich weiß aus Erfahrung, dass eine Stadt – mag sie noch so modern sein – Menschen nicht glücklich macht, solange sie ihnen keine Kunst und Kultur bietet” (Yılmaz Büyükerşen, Politiker und derzeitiger Bürgermeister von Eskişehir).

Die Stiefkinder der Türkei nehmen kein Blatt vor den Mund. Obwohl sie von der Regierung verstoßen werden und nichts unversucht gelassen wird, um ihren Widerstand zu brechen, so lieben sie ihr Land dennoch von ganzem Herzen. Diese Stiefkinder sind die „wahren Kinder“ der Türkei. Sie verschließen die Augen nicht, wenn sie Ungerechtigkeit sehen. Sie setzen sich für Menschenrechte ein. Sie kämpfen für die Demokratie. Sie fürchten sich nicht vor dem Tod. Und sie müssen sich nicht schämen, wenn sie morgens in den Spiegel schauen. Ihr Gewissen ist rein. Die Stiefkinder der Türkei glauben daran, dass auf ihr Land eine glücklichere Zukunft wartet. Tuluhan Tekelioğlu hat ihnen mit ihrem Dokumentarfilm eine hörbare, eindrucksvolle Stimme gegeben, die Spuren hinterlässt und unter die Haut geht. Indem sie die richtigen Fragen stellt, zeigt sie, dass Kunst nicht nur ein Hobby, sondern harte Arbeit ist, die besonders in einem Land wie der Türkei gleichbedeutend mit sozialer und politischer Verantwortung ist. Zusammen mit allen Stiefkindern der Türkei gibt uns Tuluhan Tekelioğlu eine wichtige Botschaft: “Du kannst die Welt verändern. Du bist nicht allein”.

Paris, 05/04/2017               © Mine Krause

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One comment

  1. Ein sehr guter Text. Seit 1945 sind wir (wieder) frei. Eine kurze Zeitspanne in Europas langer Geschichte. Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit. Nie. Nirgends.

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